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Weinbrenner-Schule im Kraichgau, 7: Saline Bad Rappenau

Es ist immer noch ein eindrucksvoller Ort, das Gelände der Saline in Bad Rappenau, der eine malerische Heiterkeit und Offenheit ausstrahlt, sogar etwas von „italianità“, die von der Farbgebung unterstützt wird.
Dabei ist es nur noch ein kleiner Teil der ursprünglichen Anlage, die Friedrich Arnold, naher Verwandter und Schüler Friedrich Weinbrenners, ab 1822 dort errichtete, wobei er die architektonische Anordnung in enger Verbindung mit den technischen Abläufen entwickelte. Am Ende des «Salinengartens» steht das ehemalige Salinenamtsgebäude. Es gibt zwei Merkmale, die für Weinbrenner nicht, wohl aber für Arnold typisch sind und dem Gebäude etwas eher Barockes als Klassizistisches verleihen: der hohe Reiterturm mit dem Glockendach und der nur leicht vortretende Mittelteil mit dem flachen Dreieckgiebel.
Links und rechts davon stehen weitere Bauten, damals wie heute vor allem zum Wohnen genutzt. Auch ein Flügel der Wirtschaftsgebäude am Eingang zur Anlage existiert noch, und dann schräg gegenüber eine Trafostation mit dem hohen Zeltdach, die sich 100 Jahre später so mimetisch in die Anlage einfügte, als sei sie immer Teil des Ganzen gewesen. Das war nicht nur damals eine Bereicherung, sondern ist heute ein Glücksfall, denn ansonsten blieb von der Anlage nur noch wenig übrig.
Schon im Jahr nach der Einstellung der Salzgewinnung 1973 begann man mit dem Abriss des größten Teils der unterschiedlichen Fabrik- und Wohngebäude, bedeutendste Denkmale der Wirtschafts- und frühen Industriegeschichte in Baden. Heute wüsste man wahrscheinlich, was man an ihnen gehabt hatte und welche interessanten und attraktiven Nutzungen man dort unterbringen könnte. Angesichts dessen wirken die aktuellen Versuche, die Leere dazwischen durch dekorative Gartenelemente zu füllen, beliebig. Am stimmigsten wirkt das Ensemble aus einer gewissen Distanz, aus der man die Plastikfenster nicht wahrnimmt, über deren dilettantische Ausführung und deren Genehmigung durch eine Denkmalbehörde man nur den Kopf schütteln kann. Andererseits erkennt man nur aus der Nähe, dass einige schöne originale Details wie Holztüren erhalten geblieben sind.

Karlsruhes neuer Marktplatz zeigt sein Gesicht

Bislang war es für die Meisten ein abstraktes Planspiel. Jetzt wird langsam sichtbar, was auf uns zukommt. Mit Weinbrenner hat es nun endgültig nichts mehr zu tun, wenn man von den traurigen, aber papageienhaft bunt angestrichenen Resten seiner Bauten absieht, die aber gar keine Beziehung mehr zueinander entwickeln können. Dazwischen breitet sich stückweise ein fast weißer Steinteppich aus, versehen mit einer Bordüre, die irgendwohin läuft., Ja, wohin eigentlich? Und wie passt das Muster der Wasserdüsen hinein? Auch da ist kein Plan ersichtlich, kein Bezug auf irgendetwas darum herum. Noch verstecken sich die U-Bahn-Abgänge unter Blechdächern, und auch die Flutlichtmasten stecken noch nicht in den Hülsen.
Nicht nur wir, auch viele andere, haben früh Kritik angebracht und Gegenvorschläge entwickelt, wie man den Marktplatz als Einheit und als Bild stärken könnte und damit dem Rang dieses immer noch vielpublizierten Ensembles so gerecht werden kann, wie es heute noch möglich ist.
Aber das ist den Behörden nicht wichtig. Sie sehen es auch nicht. Hat man sich vor einigen Jahren noch als Kulturhauptstadt beworben, versucht man es jetzt offenbar in die entgegengesetzte Richtung.
Wir werden den Marktplatz aus der Liste von Weinbrenners erhaltenen Projekten streichen. Wenn ihn die Stadt Karlsruhe oder andere Stellen in Zukunft immer noch als sein Werk bezeichnen, werden wir protestieren und seine Urheberrechte wenigstens symbolisch gegen solche ehrabschneidenden Verunglimpfungen verteidigen. Wir bitten dann um entsprechende Hinweise.
Bild: Peter Thoma

Weinbrenner-Schule im Kraichgau, 6: Eppingen

Es ist sicher eines der prominentesten Beispiele der Weinbrenner-Schule im Kraichgau, das 1824/25 gebaute Rathaus von Eppingen, und ein Hauptwerk des hier schon mehrfach vorgestellten Karl August Schwarz. Es strahlt eine natürliche Würde aus, die mit Leichtigkeit und Witz statt großem Aufwand erreicht wurde. Wieder spielte Schwarz hier mit wenigen Elementen, die er in eine überraschende Verbindung brachte. Denn im Grunde besteht das Rathaus nur aus einem großen, ruhigen Hauskörper, den Schwarz mit einem monumentalen Mittelteil überlagert, ähnlich Weinbrenner am Karlsruher Rathaus. Nur eben, daß hier in Eppingen nicht klassische Säulen der Fassade eine zierlich-elegante Visitenkarte verleihen, sondern steile und wuchtige Pfeiler die Massigkeit des Gebäudes an dieser Stelle noch steigern. Aus dem Winkel betrachtet, schließen sie sich sogar zu einer einzigen Fläche zusammen, die in einem eigenen Giebel endet und damit wie ein Haus im Haus steht.

Noch dazu präsentiert sich das Rathaus Eppingen im historischen Zustand, auf den ersten Blick jedenfalls. Erst 2007 ist es renoviert worden. Dabei ist aber auch eine Unsitte zementiert worden, die uns oft bei Bauten Weinbrenners und seiner Schüler begegnet. Denn man hat nicht den Originalzustand restauriert, sondern die Überarbeitung aus der Zeit des Historismus um 1900, also aus einer Zeit, in der man glaubte, die vermeintlich zu schlichten Bauten interessanter machen zu müssen, weil man kein Verständnis mehr für die subtilen Finessen der klassizistischen Architektur hatte, wohl aber für historische Verkleidungen. Paradoxerweise sollte das Rathaus «mittelalterlicher» wirken, vermutlich wegen der umgebenden Fachwerkhäuser.

Dabei stören die aufgemalten bunten Wappenschilder weniger als die Farbfassung der gesamten Fassade. Eine zweifarbige Wand ist in der Weinbrenner-Schule schon grundsätzlich falsch, denn das feine Relief aus den ineinandergreifenden Schichten sollte sichtbar gemacht werden, nicht konterkariert. Hier wurde es aber durch den starken Kontrast regelrecht zerschlagen. Am auffälligsten stört die verzahnte Quaderleiste, die den Hauskanten aufgemalt worden ist. Sie durchbricht die Dreiteilung in Sockel, Fassade und Dach und ‘beißt’ sich mit allen vorhandenen Linien: der Gliederung im Sockel ebenso wie mit dem Zahnschnitt in der Dachkante sowie den Fensterbänken. Die Eleganz der originalen Bauteile mußte sich einem grobschlächtigen und zudem unpassenden Bild unterordnen. Daß die Fassade nicht mehr aufgeht, zeigen besonders anschaulich die Fenster in den weißen Flächen: ihre Abstände zur Gebäudekante sind zu gering, diejenigen zur Dachkante zu groß, und sie stimmen damit auch untereinander nicht mehr. Alles hat sich verschoben und verschnitten.

Daß dies 1904 passiert war, ist eine Sache. Daß die Unstimmigkeiten 2007 von den beteiligten Fachleuten nicht gesehen oder gedankenlos wiederholt wurden, ist eine andere, weniger leicht verzeihliche. Gewiß stand dahinter auch das bewußte Interesse, den Kontrast zwischen «alt» und «neu» besonders stark hervortreten zu lassen. Diese Demonstration wog schwerer als das stimmige und positive Bild einer Architektur, die historisch bedeutsam ist, allgemein wie speziell für die Region. Im Innern wurde die filigrane Holztreppe durch eine geschlossene Form ersetzt, überhaupt die historische zugunsten einer klinischen Erscheinung getilgt. Wenigstens der Anstrich aber ließe sich vergleichsweise einfach korrigieren und das Äußere durch ein paar Eimer Wandfarbe wieder ins Gleichgewicht bringen. Kaum vorzustellen, wie gut und richtig das Rathaus dann erst aussehen würde, wenn sich die Architektur so präsentieren dürfte, wie sie sich Schwarz ausgedacht hatte.
(Und wie wir es am Ende der Bildstrecke mit einer provisorischen Retusche des ersten Bildes andeuten.)

     

     

Heinrich Hübschs Speyerer Dom: Patient, Baustelle, Forschungsobjekt

Eines der bekanntesten Werke Heinrich Hübschs ist der Westbau des Speyerer Doms, und zugleich eines seiner unbekanntesten, denn wohl die meisten der zahlreichen Besucher dürften es für einen originalen Teil des romanischen Bauwunders halten – oder für eben eine der typischen Ergänzungen des 19. Jahrhunderts, geboren aus dem Geist des Historismus. Beides ist natürlich falsch. Hübschs bewies seine Achtung vor der Geschichte und dem Meisterwerk, indem er sich in beides hineindachte und seine Überlegungen in eine moderne und professionelle Entwurfsmethode einbaute, womit er zu einem Musterfall für denkmalpflegerische Eingriffe wurde. (Und was mehr seinem Lehrer Friedrich Weinbrenner verdankte, als wohl die meisten wissen.)
Zur Zeit findet eine große Restaurierung des Westbaus statt. Sie bot uns die Gelegenheit, das ungewöhnliche Werk aus der Nähe und in der Höhe zu betrachten, was die Bilder zeigen und was auch in einer Veröffentlichung Niederschlag finden wird, die noch in diesem Jahr erscheinen soll und an der wir beteiligt worden sind. Für diese Gelegenheit, den oft missverstandenen Heinrich Hübsch zu Wort kommen zu lassen, bedanken wir uns im voraus.

Ausstellung „Landpartien im Nordschwarzwald“ im Stadtmuseum Baden-Baden

Dort kann man seit Freitag nicht nur historische Ansichten der Landschaft rund um den Kurort sehen, sondern auch solche der Stadt – und damit auch Bauten Friedrich Weinbrenners. Denn beides hängt in Baden-Baden ja besonders eng zusammen, wie wir gerade durch Weinbrenner wissen, der den Ort und seine Umgebung als zusammenhängende Kulturlandschaft sah, plante und zu dem ausbaute, als das wir ihn heute kennen. In der Ausstellung ziert ein Zitat von Ludwig Börne eine der Wände, in dem er Baden-Baden als den schönsten Ort der Welt bezeichnet.

https://www.baden-baden.de/stadtportrait/kultur/stadtmuseum/

Weinbrenner-Schule im Kraichgau, 5: Adelshofen

Von allen Kirchen des Weinbrenner-Schülers Karl August Schwarz ist dies sicher die ungewöhnlichste. St. Nazarius (1830–35) steht im malerisch in die Hügel eingebetteten Adelshofen, heute ein Ortsteil von Eppingen. Im Davorstehen fällt zuerst die mächtige, überbreite Fassade auf, die hinter dem monumentalen Giebel je zwei Seitenschiffe links und rechts des Turms vermuten lässt. Als zweites beeindruckt das aufwendig gefertigte,steinerne Mauerwerk, aus dem das feine Relief wirkungsvoll hervortritt. Damit erinnert die Oberfläche an antike römische Bauten oder solche aus der Renaissance. Anders der Turm selbst; hier stapelte Schwarz unterschiedliche Fensterformen so abwechslungsreich übereinander, wie es Weinbrenner am Gefängnisturm am Karlsruher Rathaus tat, nur eben nicht an der Vorder-, sondern der Rückseite. Nicht einmal der Eingang liegt im Turm, sondern seitlich davon: einmal links, einmal rechts. Das könnte uns beim aufmerksamen Betrachten schon eine Vorahnung davon geben, was uns erwartet, wenn man eintritt ¬– oder zunächst um das Gebäude herumgeht. Denn hinter den Kanten der Fassade liegt keine Längs- und keine Rückseite, sondern nur eine durchgehende Rundung, die im Bogen zur anderen Kante zurückführt, ein Halbrund. Etwas ähnliches kennen wir vom antiken römischen Theater, auch von manchen abstrakten Grundrissübungen in Traktaten, aber von einer gebauten Kirche?
Dabei erzeugt es ganz real einen Raum, der zwar ungewöhnlich, aber überzeugend ist. Es könnte auf den ersten Blick ein Theater sein, ein Zirkus, ein Hörsaal, aber für eine Kirche eignet es sich ebenso gut. Die unteren Ränge kommunizieren direkt mit dem Altar, die oberen mit der Kanzel.
Entsprechend neu und anders musste der Dachstuhl konstruiert werden. Viele originale Details sind hier noch erhalten und verstärken die innere Logik dieses ungewöhnlichen Gebäudes. Eigenwillig führte Schwarz hier Weinbrenners Parteinahme gegen «sklavische Nachahmung» und für die Freiheit in der Anwendung architektonischer Regeln weiter.

     

Weinbrenner-Schule im Kraichgau, 4: Unteröwisheim

Nur zwei Jahre nach denen für Berwangen arbeitete Karl August Schwarz an den Plänen für die evangelische Kreuzkirche von Unteröwisheim (1825–28) – und entwickelte das Muster weiter. Noch auffälliger ist hier, wie sich dasselbe Motiv der hohen Rundbögen rings um alle vier Seiten zieht, auch weil ein umlaufendes Gesimsstück sie zusammenbindet. Eine radikale Absage an das konventionelle Schema von Schaufront, Seitenschifffassaden und Rückseite bzw. Chor, aber auch eine entwaffnende Selbstverständlichkeit. Unterbrochen wird die mathematische Operation an der Vorderseite durch einen Giebel und den Turm, der hier hoch aufragt und in einem spitzen Helm endet. Wieder besitzt jede der vier Seiten einen eigenen, mittigen Eingang; doch hat Schwarz daraus unterschiedliche räumliche Situationen geschaffen. Mit wenigen Änderungen ist also in Unteröwisheim ein nochmals neuer Eindruck entstanden.
Auch das Innere wirkt besonders aufgeräumt. Statt doppelter Säulenreihen übereinander trägt nur eine die Emporen, und dies in klassisch-antiker Erscheinung. Die Emporen wirken flacher und breiter, wie Plattformen. Darauf steht, wie ein Teil der Architektur, noch die Orgel aus der Entstehungszeit, von Wilhelm Overmann aus Heidelberg 1826 gebaut.

      

Uiffingen! Eine große kleine Kirche wird 200

Wer sie nicht schon kennt, muss einfach staunen, in einem so kleinen Ort eine so beeindruckende Kirche vorzufinden – am nordöstlichen Ende Badens. Dort, in Uiffingen bei Boxberg, steht sie nun schon seit genau 200 Jahren, was im Herbst gefeiert werden soll.
Deshalb ist der Vorstand der Weinbrenner-Gesellschaft dort von Vertretern der evangelischen Kirchengemeinde am Samstag herzlich empfangen worden und konnte das Gebäude eingehend in Augenschein nehmen. Nicht nur die riesige Front überrascht, sondern auch das geräumige Innere mit den schlanken und eleganten Holzsäulen, die wie die Baluster von Geländern geformt sind, und dem breiten „Mittelschiff“ unter der weit gespannten Decke.
Historische Fakten hatten wir bereits im Vorfeld in Archiven recherchiert und waren schon auf interessante Fakten gestoßen, rund um die Urheberschaft Christoph Arnolds und die Rolle, die Friedrich Weinbrenner dabei spielte.
Mehr soll hier noch nicht verraten, sondern in einer Broschüre und in Führungen am Tag des Offenen Denkmals und am eigentlichen Jubiläumstag am 3. November beim Kirchweihfest präsentiert werden. Zumal zuvor noch mehrere offene Fragen geklärt werden müssen, etwa zum auffälligen Altar, der ursprünglichen Wandgestaltung oder auch zur außergewöhnlichen Konstruktion des Dachstuhls.
Auf dem Bild: Ulrich Maximilian Schumann, Helmut Reichert, Ulrike und Manfred Blesch

 

 

Austausch in Neapel

Traditionell wird in Italien vergleichsweise viel über die deutschsprachige Kunst und Architektur der Zeit um 1800 geforscht. Auch natürlich, weil sich viele der Künstler in diesem Land aufhielten und die Kultur aufsaugten und in ihre eigenen Entwürfe einfließen ließen.
Andrea Maglio, der an der Universität von Neapel lehrt und forscht, hält dieses Interesse und die Erinnerung immer wieder in Büchern und Artikeln am Leben, und Friedrich Weinbrenner und seine Schüler spielen dabei regelmäßig eine feste Rolle.
Der Kontakt zur Weinbrenner-Gesellschaft besteht schon seit mehreren Jahren, und so traf ihn der Vorsitzende Ulrich Maximilian Schumann am Osterwochenende an Ort und Stelle, um Informationen und auch Schriften auszutauschen. Beispielsweise ist kürzlich ein anspruchsvoller Sammelband über die Rezeption Pompejis erschienen und wird in Neapel nun eine Ausstellung über den Bildhauer Thorvaldsen vorbereitet, den auch Weinbrenner gut kannte.
Und natürlich gibt es auch in dieser Stadt originale Kultur des Klassizismus zu erleben, wie in der Villa Pignatelli, die im Jahr von Weinbrenners Tod, 1826, nach Plänen des jungen Pietro Valente begonnen wurde. Das Äußere hat damals Kritik erregt, vor allem wegen der ungeschickten Überschneidung der verschiedenen Säulenordnungen, und gerade Friedrich Weinbrenner hätte von seinem Standpunkt aus noch einiges mehr auszusetzen gefunden. Aber es haben sich doch im Innern auch eindrucksvolle Räume aus der Entstehungszeit erhalten, wie ein Kabinett mit Wanddekorationen nach Vorbildern aus dem nahen Pompeji (siehe Bilder).
Eine feste Größe im italienischen Klassizismus würdigt das Archäologische Nationalmuseum zur Zeit, den Bildhauer Antonio Canova, von dem einige Werke antiken Statuen gegenübergestellt werden. Auch seine Skulpturen sind oft als akademisch kritisiert worden; hier in der Ausstellung wird zugleich aber deutlich, vor allem durch seine eigenen Modelle von der Gesamtsituation, dass sie immer zusammen mit dem Raum um sie herum gesehen werden und nicht für sich alleine stehen sollten.

      

Weinbrenner-Schule im Kraichgau, 3: Berwangen

Eine Person hat mehr als andere zur Verbreitung von Weinbrenners Vorbildern im Kraichgau beigetragen: sein Schüler und Mitarbeiter Karl August Schwarz (1781–1853), der dort schon seit 1807 in der Bauverwaltung tätig war und ab 1820 als Bauinspektor des Pfinzkreises. Zugleich bewies er dabei seine Eigenständigkeit im Umgang mit dem Vorbild, ja Souveränität – und sogar Witz.

Seine erste Kirche war die evangelischein Berwangen (1823/24), und im Vergleich zu Weinbrenners Thomaskirche in Kleinsteinbach würde man spontan sagen: Sie wirkt einfacher. Aber diese Einfachheit ist weniger eine Reduktion von Weinbrenners Vorbild als eine Weiterentwicklung und Verdichtung. Weinbrenner hatte die hohen Rundbogenfenster immer nur an den Seiten verwendet; vermutlich erinnerten sie ihn an die römischen Basiliken, vor allem die Konstantinsbasilika in Trier, und bauten damit eine Brücke von der Antike in die Neuzeit. Schwarz verzichtete auf eine Tempelfront mit Säulen und zog stattdessen die hohen Seitenfenster auch noch auf die Eingangsseite hinüber; außerdem schrägte er hier das Dach ab und verkürzte den Turm, wodurch der Baukörper noch geschlossener wirkt. Die Anspielung an ein Haus tritt damit noch mehr in Vorder- und die an einen Tempel in den Hintergrund.

Aber besitzt die Kirche in Berwangen überhaupt eine Eingangsseite? Denn noch etwas fällt auf: Eine Eingangstür gibt es nicht nur vorne, sondern auch mittig an den Seiten und sogar hinten. Damit ergibt sich ein Achsenkreuz längs und quer durch die Kirche, wie es Weinbrenner als Richtlinie seinen Schülern beigebracht hat, damit aus deren Entwürfen immer ein Raum entsteht, in dem sich der Mensch wieder- und zurechtfindet, der ja auch dreidimensional symmetrisch aufgebaut ist. In seinem «Architektonischen Lehrbuch» zeigt er, wie ein Würfel, wenn man ihn auffaltet, ein Kreuz ergibt. Ob Schwarz damit auch die Assoziation an ein christliches Kreuz verbunden hat, werden wir wohl nicht mehr erfahren.

Im Innern jedenfalls ist ein bemerkenswerter Raum entstanden. Typisch für die Kirchen der Weinbrenner-Schule: Die über dem Altar schwebende Kanzel und die umlaufende Empore. Ungewöhnlich ist aber, dass unter ihr wie auf ihr Säulen stehen, die keinen runden oder quadratischen, sondern einen achteckigen Querschnitt haben, wie man sie nicht aus der Antike, sondern aus Kirchen des Mittelalters kennt. Hier in Berwangen kündigt sich schon die Romantik innerhalb der Weinbrenner-Schule an. Ein eigenwilliges und besonders schönes Detail ist, dass sich die Empore vor der Kanzel halbrund weitet, um dieser den nötigen Abstand zu geben. Auch dies eine Lösung, die Weinbrenner selbst nirgends umsetzte, die aber gut in die Freiräume passt, die er seinen Schülern und Mitarbeitern zugestand.

Die großartigen Fotos des Inneren stammen von Finn Hartmann, Student der Architektur in Stuttgart, die eher amateurhaften Fotos des Äusseren von uns.